Nachbeben sind kleinere Erschütterungen, die nach einem größeren Hauptbeben in derselben Störungszone auftreten. Im Alltag sprechen viele Menschen einfach von „einem weiteren Erdbeben“ oder „kleinen Beben“, doch in der Erdbebenkunde gelten Nachbeben als natürlicher Teil des gesamten Erdbebenprozesses.
Sie können Tage, Wochen oder sogar Monate andauern und sind einer der Hauptgründe dafür, dass die Angst bei vielen Menschen lange nach dem ersten starken Beben anhält.
Was genau sind Nachbeben, wie lange dauern sie an – und bedeutet jedes Nachbeben gleich ein neues Erdbeben?
Was sind Nachbeben?
Wenn in einer Region ein starkes Erdbeben – das Hauptbeben – auftritt, verändert sich der Spannungszustand in der Erdkruste schlagartig. Die Gesteine und die Störungsfläche erreichen ihren neuen Gleichgewichtszustand nicht mit einem einzigen Ruck. Während sich das Gestein neu ordnet und die Bruchfläche „einsortiert“, kommt es in derselben Zone zu zahlreichen kleineren Erschütterungen. Diese nennen wir Nachbeben.
Kurz gefasst:
- Hauptbeben: das größte Erdbeben in einer Abfolge
- Nachbeben: kleinere Erdbeben, die zeitlich nach dem Hauptbeben in derselben Störungszone auftreten
Man kann sich Nachbeben als „Ausläufer“ des Hauptbebens vorstellen. Ein ähnlich starkes Ereignis auf einer anderen Störung in größerer Entfernung wird dagegen eher als eigenständiges Erdbeben betrachtet.
Wie lange dauern Nachbeben?
Wie lange Nachbeben auftreten, hängt von mehreren Faktoren ab: der Stärke des Hauptbebens, der Länge der Störung und den geologischen Eigenschaften der Region. Allgemein gilt:
- Nach kleineren und mittleren Beben klingt die Nachbebenaktivität häufig innerhalb von Tagen oder Wochen deutlich ab.
- Nach sehr starken Beben können Nachbeben über Monate oder sogar Jahre auftreten.
- Mit der Zeit nimmt im Normalfall sowohl die Häufigkeit als auch die Stärke der Nachbeben ab.
Aus statistischer Sicht ist die Zahl der Nachbeben in den ersten Tagen nach dem Hauptbeben am höchsten und sinkt dann allmählich. Das bedeutet aber nicht, dass sie plötzlich ganz verschwinden; schwache Nachbeben können noch lange registriert werden.
Warum sind Nachbeben meistens schwächer?
Begriffsbedingt sind Nachbeben schwächer als das Hauptbeben. Die Gründe dafür:
- Beim Hauptbeben wird der größte Teil der gespeicherten Spannungsenergie freigesetzt.
- Der größte Bruch auf der Störungsfläche findet während dieses ersten Ereignisses statt.
- Nachbeben spiegeln kleinere Anpassungen im Spannungsfeld auf und um dieselbe Störung wider.
In manchen Fällen kann ein Nachbeben fast so stark sein wie das Hauptbeben. Dann stellen sich viele die Frage: „War das ein neues Erdbeben?“ Aus seismologischer Sicht bleibt das stärkste Ereignis der Sequenz das Hauptbeben, die übrigen werden als Nachbeben eingeordnet, solange sie in dieselbe Abfolge gehören.
Ist jedes Nachbeben ein neues Erdbeben?
Physikalisch gesehen ist jedes Nachbeben ein Erdbeben. Der Begriff „Nachbeben“ soll jedoch anzeigen, dass:
- es räumlich eng mit dem Hauptbeben verknüpft ist,
- es auf derselben oder einer unmittelbar angrenzenden Störungszone auftritt,
- es zeitlich nach dem Hauptbeben folgt und eine geringere Stärke hat.
Tritt später ein Beben ähnlicher oder größerer Stärke in einer anderen Region oder auf einer anderen Störung auf, wird es in der Regel als eigenständiges Erdbeben behandelt und nicht als Nachbeben des ersten.
Wie gefährlich sind Nachbeben?
Nachbeben können auf verschiedene Weise gefährlich werden:
- Gefahr für beschädigte Gebäude Gebäude, deren Tragstruktur beim Hauptbeben bereits geschwächt wurde, können bei einem stärkeren Nachbeben einstürzen.
Das Betreten stark beschädigter Häuser vor einer fachkundigen Begutachtung gehört zu den größten Risiken nach einem schweren Erdbeben. - Psychische Belastung Wiederholte Erschütterungen führen bei vielen Menschen zu anhaltender Unruhe, Schlafproblemen oder Panikattacken.
Besonders Nachbeben in der Nacht können die Angst vor einem erneuten „großen Beben“ verstärken. - Trügerisches Sicherheitsgefühl Mit der Zeit werden Nachbeben seltener und schwächer. Das kann den Eindruck erwecken, es sei „alles vorbei“.
Solange aber keine umfassenden Schadensanalysen vorliegen, ist das Risiko durch geschwächte Bauwerke nicht automatisch verschwunden.
Deshalb sollten Nachbeben nicht einfach als „kleine Beben“ abgetan werden – vor allem nicht in Gebieten mit stark beschädigten Gebäuden.
Verhalten während und nach Nachbeben
Die grundlegenden Verhaltensregeln während eines Nachbebens entsprechen im Wesentlichen denen während des Hauptbebens:
- In Gebäuden:
- Nicht rennen und keinen Aufzug benutzen, sondern die „Hinlegen – Schützen – Festhalten“-Position neben einem stabilen Möbelstück einnehmen.
- Abstand zu Fenstern, Glasflächen und hohen, ungesicherten Regalen halten.
- Im Freien:
- Abstand zu Gebäuden, Mauern, Laternenmasten und Stromleitungen halten.
- Möglichst auf einer freien Fläche bleiben.
- Im Fahrzeug:
- Das Auto an einer sicheren Stelle anhalten – nicht unter Brücken oder in Tunneln.
- Im Fahrzeug bleiben, bis die Erschütterung vorbei ist, sofern keine unmittelbare Gefahr besteht.
Nach dem Nachbeben:
- Keine Gebäude betreten, von denen man annimmt, dass sie beschädigt sein könnten.
- Auf neue Risse, Verformungen oder abgesackte Wand- und Deckenteile achten.
- Offizielle Hinweise beachten und gegebenenfalls ausgewiesene Sammelplätze aufsuchen.
- Keine riskanten Arbeiten wie das eigenständige Räumen von Trümmern in instabilen Bereichen übernehmen.
Wann sind Nachbeben „normal“ und wann beunruhigend?
Aus wissenschaftlicher Sicht ist eine gewisse Zahl von Nachbeben völlig normal:
- Häufige und teils stärkere Nachbeben in den ersten Tagen nach einem großen Hauptbeben sind zu erwarten.
- Ein allmähliches Abnehmen von Häufigkeit und Stärke wird als normales Verhalten angesehen.
- Ein plötzliches, starkes Ereignis in einer anderen Zone oder auf einer anderen Störung kann auf einen neuen Bruch hindeuten und wird gesondert bewertet.
Die genaue Beurteilung obliegt Seismologinnen und Seismologen, die Messdaten auswerten und geologische Beobachtungen heranziehen.
Für die Bevölkerung ist es am wichtigsten, aktuelle Informationen und Warnungen der zuständigen Behörden ernst zu nehmen.
Fazit: Nachbeben sind die stille Fortsetzung des Erdbebens
Nachbeben bedeuten nicht, dass das Erdbeben „nie endet“, sondern dass die Erdkruste sich langsam einem neuen Gleichgewicht annähert.
Zusammengefasst:
- Nachbeben sind ein natürlicher Teil der Erdbebensequenz.
- Sie können je nach Stärke des Hauptbebens Tage, Wochen oder länger anhalten.
- Sie stellen ein ernstzunehmendes Risiko für bereits geschädigte Bauwerke dar und belasten viele Menschen psychisch.
- Sicherheit entsteht nicht nur dadurch, dass die Erschütterungen nachlassen, sondern auch durch fachgerechte Prüfungen, klare Informationen und umsichtiges Verhalten.
Erdbeben lassen sich nicht verhindern – aber wer die Rolle von Nachbeben versteht, kann in der Zeit danach ruhiger und sicherer handeln.
